Kant: AA XV, Entwürfe zu dem Colleg über ... , Seite 873

   
         
 

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  01 Der Gute Character komt nicht von der Natur; er muß erworben    
  02 werden.    
         
  03 1. Durch Erziehung. Mannlich. Beym Frauenzimmer (g Grundsatze    
  04 der ) Ehre.    
         
  05 2. Durch Nachdenken und unterredung zur Bestimmung der    
  06 Grundsatze.    
         
  07 (s Man könte anrathen, sich überhaupt auf einen Character zu    
  08 befleißen ohne Rücksicht, ob er böse oder gut sey; denn mit dem bösen    
  09 giebt es sich selbst. Er ist nothwendig inconsequent. )    
         
  10 3. Durch feyerliche Annehmung derselben (eine Art von Wiedergeburth;    
  11 wer weiß: versteht der Evangelist nicht diese?)    
         
  12 4. Durch Unverletzlichkeit dieser Grundsätze (g um sich selbst nicht zu    
  13 verachten: Lüge ) und sorgfalt, den Character Unbeflekt zu erhalten. Denn    
  14 sonst fängt man an, sich selbst zu verachten.    
         
  15 Zuletzt kan man sagen: man ist ein rechtschaffener Mensch.    
         
  16 (g Redlich, i. e. Ehrlich seyn nach Grundsatzen, ist selten. amicus    
  17 usqve ad aram. Gütig, Grosmüthig nach Grundsätzen, nicht gegen    
  18 Schelme, nicht aus blindem Mitleiden. Patriot aus Grundsatzen ist    
  19 cosmopolit. Christ aus Grundsätzen. )    
         
  20 Ob ein böser Character angebohren sey. Nein, nur Bösartigkeit aus    
  21 Instinct. Der Character ist erworben. Doch ist die Anlage oft sehr schlimm.    
         
  22 (s In dieser Zeit kan man allein seinen Caracter für alle Verhältnisse    
  23 (g aus )bilden. )    
         
  24 Gegen das 40ste Jahr bildet sich erst die rechte Denkungsart. (g Auch    
  25 Klugheit, d. i. Vermögen das wahre Interesse vom Schein zu unterscheiden. )    
  26 (s Den Werth der Dinge zu schätzen. )    
         
  27 Der Character muß aus Begriffen, nicht aus Anreitzen fließen.    
         
  28 (g Es ist schweer, seinen eigenen Character zu kennen. Aus bloßer    
  29 Erfahrung ohne princip kennt man ihn nicht. (s unmoglich: am Ende    
  30 des Lebens ihn annehmen. ) )    
         
  31 Der publiqve Character eines Mannes im Amte ist oft nicht gnug    
  32 bestimmt und schlecht, ob er gleich im privatcharacter gut ist.    
         
  33 (g Mit einem bürgerlichen Character bekleidet seyn trift oft den    
  34 Mann ohne Character. )    
     

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